Das Prinzip der Rache, die je nachdem süß oder Blutwurst ist, zieht sich durch mein Leben, nicht durch das wirkliche, reale Leben, sondern durch das virtuelle.
Im wirklichen Leben bin ich nicht der Rächertyp. Ich bin eher der halt-auch-noch-die-andere-Backe-hin-Typ. Also christlich, wenn man so will. Ich checke das mal eben … genau Matthäus 5, 39, aus der Bergpredigt. „Streitet nicht mit dem Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch noch die andere hin.“
In meinem virtuellen Leben aber hat das Rächerprinzip schon immer eine große Rolle gespielt, sowohl in der konsumierten Kultur als auch in der Phantasie. Ich denke an DAS Lieblingsbuch meiner Kindheit und Jugend, hundertmal gelesen: „Die Söhne der großen Bärin“. Es ist nicht nur eine Rachegeschichte, aber auch, und meine Phantasie stattete mich mit unterirdischen Waffenlagern voller Panzer und Flugzeuge aus, deren Rampen und Tore sich im rechten Moment öffnen und den edlen Rothäuten um Tokei-ihto die nötige Überlegenheit über die bösen Weißen um Red Fox verschaffen würden.
Oder die Rachegeschichte par excellence „Der Graf von Monte Christo“. Erst letztens im Zusammenhang mit der neuesten Verfilmung habe ich das Buch wieder gelesen, was für ein Vergnügen.
Und dann erinnere ich mich an ein Kinoerlebnis in den Siebzigern in den Markneukirchener Harmonie-Lichtspielen, die es heute noch gibt, was für ein Wunder! Die Filme hießen in meiner Erinnerung
„Die roten Rächer“
und es ging um junge Menschen, die gegen die Weißen (erstaunlich: auch hier waren es die Weißen) Rachefeldzüge unternahmen. Und nun, da ich älter werde, steigt ab und an die Sehnsucht zu schauen, wie gut so etwas gealtert ist, also: kann man das heute noch ansehen, ohne dass einem vor Scham übel wird. Und siehe da: man kann.1 Ich habe jetzt nur diese Version russisch mit englischen Untertiteln gefunden.
Hat mir anderthalb Stunden lang viel Spaß gemacht, an manche Szenen meinte mein Gehirn sich erinnern zu können, besonders diese Rotarmistenmützen und wie sie am Ende über die brennende Brücke fahren, die hinter ihnen zusammenstürzt, hat in meinem Kopf das Gefühl einer Erinnerung hervorgeholt.
In einem russischen Wikipedia-Eintrag zu diesem Film, den mir Google dankenswerterweise übersetzt hat, stand, dass diese Filme entstanden sind, weil 1960 in den Mosfilm-Studios jemand meinte, man müsse auch mal so etwas wie „Die glorreichen Sieben“ drehen und dem sowjetischen Publikum anbieten. Na bitte, habe ich gedacht. Alles Gute kommt aus Amerika. Wie auch nicht.
Als ich mir dann „Die glorreichen Sieben“ aber angeschaut habe, klingelte in meinem Kopf wieder eine Erinnerung. Es handelt sich wie so oft bei den Amis um ein Remake eines japanischen Films von 1956 „Die sieben Samurai“, der von allen drei Varianten tatsächlich auch der beste ist. Allerdings in Schwarz-weiß.
Na schön. Der Ausgangspunkt war doch, dass in meinem Leben das Rächertum, der Robin Hood in mir, sich nur vor den Seiten eines Buches, vor einer Leinwand oder einem Bildschirm austobt. Niemals in echt. Ist auch besser so. Rächer kann man nur werden, wenn man es gut leiden kann sich zu kloppen, und das habe ich immer vermieden. Unser Kater hat sich immer gerne mit anderen Katern gekloppt. Wenn man in Berlin U-Bahn fährt, kann man hin und wieder Männergruppen beobachten, die sich gerne kloppen (würden). Ich kann das nicht beurteilen, ich bin da immer ganz schnell in möglichst sicherer Entfernung.
Der größte lebende Rächer ist ja gerade der orangene Mann.
Er lässt Höllenglut auf seine bösen Feinde regnen. Er wird sie in die Steinzeit zurückwerfen, da wo sie seiner Meinung nach hingehören. Es macht nicht so viel Spaß ihn dabei zu beobachten, weil er nicht wirklich selbst hingeht. Die modernen Rächer, die Avengers heißen, stecken auch in Eisenkostümen, aber sie stecken noch selbst drin.
Selbst der Sheriff von Nottingham musste gegen Robin Hood noch selbst antreten. Der orangene Mann hat eine ganze Armee von Rächern mit furchtbaren Waffen.
Er ist wie so ein Todesstern.
Lauter große Schiffe mit Fluggerät, die von lauter kleinen Schiffen eskortiert werden. Und dann rennen die Rebellen, nicht ohne mit kleinen fliegenden Untertassen ihren Rückzug zu vernebeln, so dass der Gröraz (Größter Rächer aller Zeiten) sie nicht alle treffen kann.
Rache schwört man. Das ist klar. Wenn man die Untertassen geworfen und sich in deren Schutz in eine Höhle in den Bergen zurückgezogen hat, dann ist man sauer, fühlt sich im Recht, und schwört Rache.
Es führt ja keiner eine Statistik, wie viele neue Rächer so ein Rachefeldzug produziert. An sich müsste man das heute, wo jeder ein Handy hat, das den seelischen Zustand seines Besitzers spiegelt, ohne größere Schwierigkeiten erheben können.
Forschung dazu gibt es.
Man spricht vom Tipping point.
Menschen, deren Zorn ausreichend strukturiert, moralisiert und identitätsbezogen ist, deren Zorn gibt der Tipping point eine Erzählung, eine Adresse und eine Handlungslogik.2 Würde ich nicht so schreiben, aber Forscher schreiben halt solche differenzierten Sätze.
Ich muss dabei an „Die Sehnsucht nach dem Rattenfänger“ von Gerhard Gundermann denken. „Unten in der Kanálisation, da üben schon wieder die Ratten Karate“3. Das ist so ein Lied, das meinem latenten Rachebedürfnis emotionale Ansprache verschafft.
Aber ich gehe nicht in die Kanalisation und übe da Karate. Ich mache Taiji, Alters-Taiji. Ganz gemütlich, soll gut fürs Herz sein. Ich mag keinen Schmerz. Ich glaube, nach Schmerz muss man ein bisschen süchtig (gemacht worden) sein. Aber so eine Höhle, in der man sitzt, nachdem der Gröraz Höllenglut auf einen hat regnen lassen, und in der man ihm Rache schwört, kann ich mir gut vorstellen. Ich wäre in so einer Höhle der Koch, denn die Rächer müssen auch ab und an was essen.