Adolf Muschg

Der rote Ritter

Eine wundervolle sprach- und bildgewaltige „Neu“auflage der Parzival-Saga. Bin drüber gestolpert, weil  mein Opernkomponist (sh. Geschriebenes/Libretto) mich immerzu in Opernaufführungen schickte, um mir zu zeigen, was er sich so vorstellt. U.a. habe ich einen von Barenboim dirigierten Parsifal an der Staatsoper gesehen, und ich glaube, da habe ich das Buch erworben. Es ist ein wundervoll schweres Taschenbuch, liegt gut in der Hand. Und eine Geschichte ist auch noch dabei abgefallen. Sh. Geschriebenes/Kurzgeschichten/Erzählungen 2: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“.

Nino Haratischwili

Das achte Leben

Ich ging zu einer Lesung bei Dussmann und da kam sie auf die Bühne, eine ziemlich kleine, durchaus beleibte und vor allem junge Frau. Und ich dachte: Mist. Ich bin ein alter, weißer Mann. Stimmt nicht ganz, ich spürte nur so einen Anflug von Neid und Missgunst. Wie kann man in dem Alter so ein Jahrhundertepos abliefern? Sie konnte: flott geschrieben, erschütternd, spannend. 

Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Ich mag diese Geschichten über die tragische Verstricktheit einer ganzen oder einer halben oder mehrerer halber Generationen in einen Traum, den selbst ich eine Weile meines Lebens noch geträumt habe. Allerdings konnte ich mit der radikalen Härte der Generation vor mir auch schon nichts mehr anfangen. Beschäftige mich selber schreibend nur selten damit. „Kitsch, kitschig hingestellt“ ist die einzige Geschichte. Geschriebenes/Kurzgeschichten/Erzählungen 1

Juli Zeh

Unter Leuten

Eines von den Büchern, bei deren Lektüre ich mich gefragt habe, warum ich schreibe. Ich sollte einfach lesen. Nach diesem Buch hatte ich das Gefühl, Brandenburg verstanden zu haben. Diese Mischung aus alten LPG-Vorsitzenden und deren Nachkommen, neu zugezogenen sinnsuchenden Wessis, aus alten unbeglichenen Rechnungen und neuen Fehden. Und spannend noch dazu.

Petra Morsbach

Justizpalast

Noch so ein Fünf-Sterne-Buch. Das Leben einer Münchener Amtsrichterin. In all seinen dienstlichen und privaten Verstrickungen. 

Keith Lowe

Der wilde Kontinent

Eine meiner größten Ängste ist ein Bürgerkrieg, der Verlust aller Ordnung. Und es ist keine hundert Jahre her, dass hier im Herzen Europas das Gesetz der Rache, des Stärkeren, des Bewaffneten, Chaos und Anarchie herrschten. Davon erzählt dieses Buch in relativ geordneter Form. 

Howard Zinn

A people’s history of the United States

In Greenwich Village in New York war’s, da sprachen wir mit einer Frau, die ihr Leid darüber klagte, dass die Gegend zu einer verkomme, wo alles Lebenswerte verschwinde, weil Leute Unsummen für die Häuser bezahlten, und entsprechend etwas Urbanes kauften, das sich durch den Akt des Kaufes eigenartigerweise auflöse. Sie schickte uns in eine wunderbare Buchhandlung paar Straßen weiter: Strand Books. Nachdem ich durch die bibliotheksartigen Reihen eine halbe Stunde geschlendert war, fragte ich einen der Verkäufer, ob es nicht etwas gäbe, was mir die amerikanische Geschichte verständlich machen würde. Der schaute mich erst verständnislos an, aber nach einer Weile schien er mich begriffen zu haben. I know what you need. Sagte er und schleppte mich zu den Beststellerstapeln. Und seitdem frage ich mich, ob das Buch zur Kategorie reassuring lies gehört, weil es mir so aus der Seele spricht. Die USA sind gebaut auf Krieg und Gewalt, Vertreibung und Ausrottung, es ist ein zerrissenens Land. Trump ist nicht der erste Lügner und er wird auch nicht der letzte sein.

Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben

1400 Seiten, die einen nicht wieder loslassen. Geht auch um Amerika mit einer anderen Seite der Gewalt. Eine sehr anrührende Geschichte über vier Freunde, über Liebe, Schmerz und Tod. Anrührend ist das falsche Wort. Ich hatte ständig Angst vor der nächsten Enthüllung.

Deniz Yücel

Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Bei dem ganzen Bohei um ihn, dachte ich mir, musst mal was von ihm lesen. Großes Kino. Klare Kante. Eine schöne Sammlung an Texten. Dein ist mein ganzes Herz. Halt dich tapfer, Leute wie du sind die wahren Verteidiger der Demokratie. … Klingt böse. Klingt wie: Hannemann, geh du voran, du hast die größern Stiefel an.

Don Winslow

Tage der Toten

Nichts für zarte Gemüter. Drogenkrieg und mittelgroße Politik. Eine furchtbare Geschichte über den Traum, es im Leben zu etwas zu bringen und sei es durch Drogenhandel. Ich frage mich oft, ob man dem Menschen den Drogenkonsum nicht freistellen sollte. Man kann ihn ohnehin, wie es aussieht, nicht verhindern. Und es ist wie mit dem Krieg gegen den Terror, er fordert mehr Opfer als das bekämpfte Übel selbst. 

Robert Galbraith

The cuckoo’s calling

Sie kann nicht nur Harry Potter, sondern auch einen ganz bodenständigen Krimi mit einem klassischen, heruntergekommenen Privatdetektiv, der in seiner Arbeit versinkt, weil er kein Privatleben hat. Liest sich flott.

Willy Peter Reese

Mir selber seltsam fremd

Solche Bücher kaufe ich, weil ich über meine eigenen Vorfahren (also hinter meinen Eltern) kaum etwas weiß. Der Autor war Soldat der Wehrmacht und ist 1944 in Russland gefallen. Dies sind seine Tagebücher. Hoffe auf diese Weise etwas über meinen Opa (Georg), der 1943 „im Osten“ gefallen ist, zu erfahren, wie es für ihn gewesen sein könnte. 

Regina Scheer

Machandel

Sehr zu empfehlen. Ist eben einfach eine Geschichte um ein Dorf und was da so abgegangen ist nach dem Krieg, im Krieg, in der DDR, nach der Wende. Solche Bücher sind wie Blumen, die nach langer Dürre doch wieder sprießen. Und sie sind heilsam an für einen wie mich, der sich fühlt, als ob er aus einer großen Sprachlosigkeit stammt. Dabei wurde zuhause nicht wenig geredet. 

Elisabeth Strout

Das Leben natürlich

Amerikanische, zwischen Maine und New York pendelnde Familiengeschichte. Und wie sie versuchen, damit klarzukommen, dass ein Kind der Familie in die halbgroße Politik und in die Hände der Polizei gerät, weil er einen Schweinskopf in eine Moschee wirft. Wenn ich mich recht erinnere. 

Wolfgang Herrndorf

Arbeit und Struktur

Wütend klares Tagebuch eines Todkranken, der sich mit Arbeit und Struktur durch seine verbleibende Zeit lebt. Am Ende erschießt er sich, das müssen dann schon seine Freunde berichten, weil er am Ende nicht nur nicht mehr schreiben, sondern auch nicht mehr sagen konnte, was sie für ihn schreiben sollen. Ich darf ja hier nur Kurzzitate, aber cool fand ich: „Wenn schweigend still das All zerstiebt und mit ihm auch die letzten Fragen, wird es die Welt, die’s nicht mehr gibt, niemals gegeben haben.“

Yuval Noah Harari

Eine kurze Geschichte der Menschheit

Gibt so Bücher, denen entgeht man nicht. Man kriegt sie doch geschenkt. Habe beim Lesen immer gedacht: genau, sag ich doch. Das Übel ist die Landwirtschaft. Und die Industrie. Wären wir mal Wildbeuter, oder wie der Übersetzer die genannt hat, geblieben. Hätte ich das Buch nicht geschenkt bekommen.