Ich bin darauf gestoßen, weil eine Bekannte ein Foto im Status hatte mit einem Buch, das ihr in einer schönen Verpackung geliefert worden ist, drapiert vor einem Strauß Blumen und ich dachte, wow, wie man ein Buch so feiern kann.
Auf dem Heimweg von der Chorprobe habe ich mit meiner Liebsten darüber gesprochen und so endeten wir auf dem Sofa, jeder mit einem Buch in der Hand und einem Tee anbei. Das war schön. Sie las
„Tintenherz“,
weil es spannend und ihre Tochter Fan davon ist.
Ich las Karl Schlögel
„Terror und Traum – Moskau 1937“,
ein sehr fesselnd geschriebenes Buch über den Wahnsinn jener Zeit. Es ging um die Entwicklung der Moskauer Automobilproduktion, wie die Bauern, die von der Kollektivierung und der Hungersnot aus ihren Dörfern vertrieben vor den Fabriktoren Schlange standen, um Arbeit und eine Versorgung zu finden, wie sie in selbst gegrabenen Erdlöchern hausten, unter der Werkbank schliefen oder, wenn sie Glück hatten, eine Schlafstatt mit einer Stroh- oder Laubmatratze in einer der Baracken fanden, wo hunderte Menschenleiber gegeneinander schnarchten. Das alles atmet so gar nichts von dem Heroismus, von dem uns immer erzählt worden ist.
Abends las ich im Bett dann noch ein paar Seiten in meiner Einschlaflektüre
„Harry Potter and the Order of the Phoenix“.
Ich bin gerade an der schwer zu ertragenden Stelle, wo Harry in Snapes Büro, in dem ihm Oclumency (die mentale Abwehr gegen Voldemorts geistiges Eindringen in Harrys Gedanken) beigebracht werden soll, in einem Moment, da Snape das Büro verlassen musste, in das Pensieve eintaucht, in dem Snape für die Dauer der Lektionen die Erinnerungen aufbewahrt, von denen speziell Harry nichts wissen soll. Harry erfährt auf diese Weise, was für Arschlöcher sein Vater James und sein Onkel Sirius gewesen sind. Das ist schwer auszuhalten, weil ich natürlich weiß, dass Snape ihn bei diesem verbotenen Tun erwischen wird, was die Feindschaft zwischen Beiden zementiert.
Und dann dachte ich über die
Absurdität der Kombination dieser beiden Bücher an einem Abend
nach und mir fiel aber wie Schuppen das verbindende Element von den Augen: Dolores. Genau:
Dolores Umbridge,
eine der besten und schmerzlichsten Figuren im Harry-Potter-Universum, schmerzlicher noch als Snape. Schon wie sie eingeführt wird, als bösartige Richterin in dem Tribunal am Anfang, das sich euphemistisch Anhörung nennt, als Harry wegen seines Patronuszaubers in Anwesenheit von Muggeln zur Brust genommen werden soll. Das ganze Setting erinnert an einen Schauprozess. Mit Not wird Harry von Dumbledore und Miss Figgs rausgehauen.
Der ganze fünfte Teil ist wie eine
Allegorie auf den Stalinismus,
und deshalb passen diese beiden Bücher absolut zusammen, auch wenn die magische Welt in Harry Potter eine kleinere im Vergleich zu einem 40.000-Leute Konglomerat am Rande von Moskau ist.
Das können Bücher.
Neue fantastische Welten entstehen lassen oder einst imaginierte fantastische Welten entzaubern, ihnen Gerechtigkeit, wie man so schön sagt, widerfahren lassen.
Ich habe also am Welttag des Buches, wer auch immer diesen Tag ins Leben gerufen hat, fast alles richtig gemacht. Ich habe zwei Büchern Ehre angedeihen lassen, die es verdient haben.
Da ich nun in Wikipedia nachschaue, was es mit diesem Welttag auf sich hat, sehe ich auch die
Schwächen in meinem Handeln.
Der Welttag bezieht sich auf eine katalanische Tradition, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Beides habe ich versäumt. Ich habe nur gelesen, und auch das erst gegen zehn Uhr abends.
Da ist also noch Luft nach oben.