Zwei Bücher habe ich im Juni verschlungen, jeweils in wenigen Tagen, was mir sonst nicht allzu oft passiert.
Einmal Gisèle Pelicot „Die Scham muss die Seite wechseln“ und einmal „Muscheln am Strand von Gaza“ von Hamza Abu Howidy. Frau Pelicot und Herrn Howidy verbindet, dass sie
- autobiografisch schreiben,
- beiden etwas Furchtbares passiert ist und
- beide nicht den Lebensmut verloren haben, im Gegenteil.
Pelicots Buch heißt im Untertitel sogar „Eine Hymne an das Leben“. Und genauso lesen sie sich beide auch.
Beide schreiben flüssig,
sachlich über ihr Leben, erzählen Begebenheiten, man erfährt, wie es ihnen vor und nach den schrecklichen Dingen, die ihnen angetan wurden, ergangen ist. Beide hatten sie eine Co-Autorin an ihrer Seite, die ihnen geholfen hat, alles in Worte zu fassen, man weiß also nicht genau, wie viel von dem Geschriebenen den Betroffenen aus der Feder geflossen ist, aber das ist egal. Die Informationen stammen immerhin von ihnen.
Beide haben mit Anfeindungen zu kämpfen. Pelicot mit Mutmaßungen, sie müsse doch etwas mitbekommen haben, Howidy mit dem Vorwurf, ein Verräter an der palästinensischen Sache zu sein.
Und doch bestehen sie auf ihrer Sicht auf die Dinge.
Pelicot will sich die schönen Erinnerungen an das Leben auch mit diesem Mann nicht nehmen lassen, sie will die Hoheit über die Bilder ihres Lebens behalten.
Howidy will sich seinen Traum von einem harmonischen Leben im Nahen Osten nicht nehmen und sein Urteil über die Hamas nicht trüben lassen, die für ihn eine Verbrecherorganisation ist, eine radikale Diktatur ausübt, die eigenen Leute foltert und tötet, wenn sie aufzumucken wagen.
Auf eine Art hat Pelicot es im Nachgang einfacher. Sie hat eine neue Beziehung gefunden, ist noch verbunden mit ihrer Familie, neuen und alten Freunden, lebt in ihrer angestammten Heimat. Howidy hat Vieles verloren. Er nennt sich selbst den einsamsten Palästinenser auf der Welt. Er lebt nur geduldet in Deutschland. Er kann nicht zurück nach Gaza, nicht nur, weil dort alles zerstört ist, sondern auch, weil dort immer noch die Hamas das Sagen hat.
Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Büchern haben ihre Grenzen,
insbesondere beim Thema, um das es geht. Hier geht es um die Vergewaltigung einer betäubten Frau, dort geht es um das Leben im Gaza-Streifen unter der Fuchtel der Hamas. Allenfalls könnte man in der dortigen Rechtlosigkeit der Frauen, die nicht einmal erben dürfen, einen Anknüpfungspunkt sehen, allerdings haben Howidys Ausführungen in mir auch die Empfindung geweckt, dass so eine perverse Nummer, die eigene Frau zu betäuben und sie fremden Männern zum sexuellen Gebrauch anzubieten, dort nicht möglich wäre.
Aber ich will hier nicht meine Naivität zur Schau stellen.
Das ist ein Vorwurf, den sich Howidy übrigens gefallen lassen muss, dass er naiv wäre.
Auf Seite 231 beschließt er sein Buch mit einer
„I-have-a-dream“-Sequenz.
Das ist ein bisschen wie Trumps Vision von einer Riviera des Nahen Ostens, nur nicht aus der Sicht des Immobilienmoguls, sondern aus der Sicht eines Menschen, der sich vorstellen kann, dass aus Feinden wenigstens gute Nachbarn werden können.
Aus seinem eigenen Leben ist das nachvollziehbar und genaugenommen ist nichts anderes als eine träumerische Vision als Lösung für den Nahen Osten denkbar. Gut, dass es mal jemand ausspricht. Das verbindet beide Bücher in erster Linie. Sie zeigen einen Weg, und zwar einen, den die beiden Autoren tatsächlich gegangen sind, einen Weg der Versöhnung, der Ablehnung des Opferstatus. Und das ist es auch, was beide Bücher zu einer aufmunternden Lektüre macht. Man muss sich der Scheiße dieser Welt nicht kampflos ergeben.