von Taschkent nach Moskau
Ich bin mit Igor auf seiner Reise 1942 zurück von Taschkent (wohin sie nach Kriegsausbruch evakuiert worden waren) nach Moskau, stolpernd durch den Nebel auf einem riesigen Bahnhof auf der Suche nach dem richtigen Zug, und schon mit dieser Beschreibung bin ich in diesem Leben, aus der Bequemlichkeit meiner Berliner Wohnung gestürzt in einen überfüllten Waggon voller nach Tabakqualm und allen vorstellbaren Körperausdünstungen riechenden Menschen, mit denen man die nächsten Tage zusammengepfercht verbringen wird. Es ist Krieg. Die zwei Waggons für Zivilisten hat man an einen Militärzug angekoppelt. Man kann froh über die Gelegenheit sein, weil man sonst noch tagelang in Kuibyschew herumlungernd verbracht hätte.
Igor wird in Moskau bei seiner Tante Dina wohnen, Großmutter Vera und seiner Cousine Marina, die allerdings an einer mysteriösen Krankheit leidet und das Haus nicht verlässt.
Wir begleiten ihn in eine Halbzeugabteilung, wo er Profilzieher wird, Teile baut, die zu Flugzeugen zusammengesetzt werden, eine stumpfsinnige Arbeit, aber man braucht die Lebensmittelzuteilungen.
Erinnerungen
Von da denkt er sich zurück in die alte Wohnung, wo eine Neujahrstanne stand und ein Klavier, wo sein Vater ein Arbeitszimmer hatte, in dem Speere und Schwerter standen und hangen, und wo er sich mit seinem Cousin Jagden über die Sofas lieferte.
Wir begleiten den Vater Nikolai zu David Schwarz,
einem ehemaligen Richter, bei dem er in Erfahrung bringen will, ob er in Schwierigkeiten steckt, weil er einem als Volksfeind und Spion verhafteten Kollegen gerade eben zu einer Dienstreise verholfen hat, die den ins Ausland führen sollte. Auf dem Weg zur Grenze haben sie ihn aus dem Zug geholt.
Alltag eines Zwölfjährigen
Igor ist derweil mit dem Auswendiglernen von Puschkin-Gedichten und dem Anfertigen einer Mappe zum hundertsten Todestag des Dichters beschäftigt. Er gründet mit seinem Freund Ljonja eine Gesellschaft zur Erforschung von Höhlen. Aber auch da bricht die brutale Wirklichkeit jener Zeit ein, einen ihrer Freunde schließt Ljonja aus der Gesellschaft wieder aus, weil dessen Vater als deutscher Spion „entlarvt“ worden war.
Dem Nachwort entnehme ich,
dass dieses wunderbare Fragment eines Romans auch in der DDR schon 1987 erschien, dass in der Sowjetunion auch in dieser Zeit nur zensierte Fassungen aufgelegt wurden. Und es passt zur Tragik des letzten Jahrhunderts, dass das Einzige, was den Sozialismus überlebt hat, die Methoden der Tscheka zu sein scheinen, die auch heute unter anderem Namen vor Mord und langjährigen Haftstrafen nicht zurückschreckt und jedwede Opposition im Lande im Keime erstickt.
Rachefeldzug?
Was in Trifonows autobiografischem Romanfragment am Ende aufscheint, ist das persönliche Element in Stalins Feldzug gegen die alten Eliten. Sie kannten sich von früher, hatten schon manchen Strauß mit Koba (so Stalins Spitzname) gefochten. Im Buch finden diese alten Rivalitäten ihren Widerschein in der Figur des rachsüchtigen Arsjuschka Florinski, den Nikolai für einen hält, der ihm helfen könnte (weil Arsjuschka es beim NKWD ganz nach oben geschafft hat), der aber noch eine Rechnung mit Nikolai offen hat. 1920 hatte der ihm verweigert, Florinskis Cousin zu begnadigen, der seinerzeit als Tschekist in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte und zum Tode verurteilt worden war.
Fragment geblieben
Das Romanfragment bricht kurz vor der Verhaftung von Igors Vater ab. Es gibt eine Art Nachsatz des Autors, in dem er erzählt, wie ihn Jahrzehnte später ein Zellengenosse seines Vaters besucht, ein von zwanzig Jahren Lagerhaft übervorsichtig gemachter Mann. Trifonows Vater wurde nach einer viertelstündigen Verhandlung zum Tode verurteilt und in den Kellern der Lubjanka erschossen. Was auf eine Art auch eine Demütigung ist, nicht mal an der frischen Luft sein zu können, aber niemand weiß so gut, wie man am besten demütigt wie Menschen, die selbst einst in der zaristischen Katorga einsaßen.
Stalins Schatten
Es ist sicher vermessen, bei einem 1987 postum erschienenen Buch von einer Entdeckung zu sprechen, aber für mich ist es eine. 1987 war das Jahr, da war ich 25, als überhaupt das Thema Stalinscher Terror das erste Mal für mich aufploppte. Vorher gab es nur Geraune. Damals hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht so recht verstanden.
Stalins (und auch Lenins und Dzierzynskis) Schatten reichen weit. Trifonow spricht von einem Feuer, das seinen Schein auch auf unsere Gesichter wirft.