Zeitreise
Ausgabe von 1952, Leinenrücken, Pappeinband, fleckig, wie man dem Bild entnehmen kann. 4. Auflage – Originaltitel: Crusaders, Titel der westdeutschen (Münchener) Ausgabe: „Der bittere Lorbeer“. Geschenkt hat mir das Buch meine Schwiegermutter einige Zeit vor ihrem Tod, als sie schon anfing auszumisten und ihr Zeug nach ihrem Gutdünken unter die Leute zu bringen. Und da ich beschlossen habe, schon vor längerer Zeit, alle geschenkten Bücher und Filme auch zu lesen und anzuschauen, hat mir das Los als 60. Objekt ihr Geschenk zum 60. Geburtstag ausgewählt. Wir haben nicht mehr darüber gesprochen, was ihr das Buch bedeutet hat. Gelesen hat sie es wohl, so verbraucht, wie das gute Stück aussieht.
Stefan Heym
war für mich immer nur der schon gebeugte alte Mann, der „Fünf Tage im Juni“ geschrieben hatte, ein Buch, von dem ich auch erst spät erfahren und es gelesen habe. Es wurde einem in der DDR nicht gerade aufgedrängt. In meinen Augen, die nur aus eingeschränkten Blickwinkeln schauten, war er ein Berufs-Dissident und Bürgerrechtler.
Die erste Überraschung erlebte ich, als ich im Impressum las: „Aus dem Amerikanischen unter Mitarbeit des Autors von Werner v. Grünau“. Ich wusste schon, dass Stefan Heym mit der amerikanischen Armee zurück nach Deutschland kam, aber dass er englisch geschrieben hat, wusste ich nicht.
Das Buch ist in bester amerikanischer Romantradition geschrieben. Ich habe nicht Literatur studiert und kann das nicht wissenschaftlich begründen, aber es ist gut recherchiert (sicher aus vielen eigenen Erfahrungen gespeist), es ist spannend, handlungsorientiert, und es entfaltet ein detailreiches Gemälde des Vormarsches der Amerikaner nach dem D-Day, bis hin zu den Anfängen der Zivilverwaltung in der Stadt Kremmen. Da hatte ich eine kleine Verwirrung, weil er eine solche Stadt im Ruhrgebiet verortete, die es aber nicht zu geben scheint. Heym selbst war in Essen nach dem Krieg zugange.
Im Mittelpunkt stehen Typen der amerikanischen Armee vom einfachen Soldaten (Bing, Abramovici) über Kommandeure wie Troy bis zum General (Farrish). Das Böse wird so ein bisschen verkörpert von Willoughby, einem Colonel, der hauptsächlich seine geschäftlichen Interessen und seine Karriereaussichten nach dem Krieg im Blick hat. Er wird am Ende besiegt, in einer nebensächlichen Angelegenheit, aber der kleine Sieger weiß, Leute wie Willoughby obsiegen am Ende doch, nach der letzten Seite, denn warum wird beim Happy End jewöhnlich abjeblendt, wie Tucholsky feststellte: weil der beglückende Moment nicht das Ende ist.
Der einzig richtige Böse ist natürlich ein Nazi,
Erich Pettinger, SS-Obersturmbannführer, aber selbst der wird am Ende nicht getötet, wie er es selbstverständlich verdient hätte, ihm wird nur jeder Ausweg genommen, was ich ein faszinierendes Bild fand.
Die Guten (Yates, de Witt) sind arg müde zum Schluss, weil sie um die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen wissen. So ab dem Zeitpunkt (letztes Fünftel des Buches etwa), als der Krieg zu Ende ist und die Verwaltung der Besiegten beginnt, ahne ich, warum so ein Mann wie Stefan Heym, der mit diesem Roman einen großen Erfolg gefeiert hat, wie man der Website der Stefan-Heym-Gesellschaft entnehmen kann1, in der DDR gelandet ist, eben weil er wohl erlebt hat, wie die Sieger begannen, mit den Nazis wieder Geschäfte zu machen und sie in leitende Positionen zu schieben.
Das Buch lebt von den vielen kleinen Begebenheiten, mit denen es den Weg der Amerikaner nach der Landung in der Normandie über die Ardennen-Gegenoffensive der Deutschen, die Befreiung eines Konzentrationslagers bis hin nach Torgau an die Elbe begleitet. Es beginnt mit einer Flugblattaktion und einem Einsatz an vorderster Front, um die Deutschen über Lautsprecher zum Aufgeben zu bewegen. Es geht weiter zur Aufdeckung von Schiebereien in Paris und es endet mit der hübschen Marianne, um die ein kleiner Kampf entbrennt, die von allen aber auch wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wird, als sie anfängt, die in verschiedenen Betten erlangten Geheimnisse auszuplaudern.
Die meisten Konflikte werden innerhalb der Truppe ausgetragen, der Gegner ist nicht der Feind, der auch, aber oft nicht in erster Linie. Sobald eine Frau auftaucht, werden alle ganz närrisch, oder wenn einer meint Schiebereien von Benzin oder Lebensmitteln aufdecken zu müssen, weil das der Truppe fehlt. Oder wenn einer aus einem inneren Zorn heraus den Helden spielen muss, wobei sinnlos Leute draufgehen. Siehe Bing, den ich ja für das alter Ego des Autoren gehalten habe, aber dafür taugt auch Yates.
Lieber Stefan, nun bist Du schon so viele Jahre tot, und ich Ignorant komme erst jetzt auf Dich. Möge meine Freude und Begeisterung Dich noch in Deinem Himmel erreichen. Immerhin hast Du noch etwas von Deinem Erfolg gehabt (nicht wie Stig Larsson), und wenn es Ärger mit den DDR-Behörden wegen Devisenvergehen war. Da hat nämlich jemand einen Zeitungsausschnitt aus der „Berliner Zeitung“ vom 23. Mai 1979 hinten ins Buch geklebt, dass gegen den Bürger (man merke: nicht Genossen) Stefan Heym am 22. Mai 1979 vom Stadtbezirksgericht Berlin-Köpenick wegen Verstoßes gegen das Devisengesetz der DDR eine Geldstrafe in Höhe von 9000 Mark ausgesprochen wurde. Tja, kleinlich konnten wir schon sein.