Einer meiner Freunde ist pro Putin – und er hat Argumente – er redet mit Leuten. Im Gegensatz zu mir, der all seine Weisheiten aus der Zeitung hat. Ich leiste mir keine Meinung mehr. Ich versuche es zu vermeiden. Ich habe zu oft „falsch“ gelegen. Manchmal überkommt es mich noch, das wohlige Gefühl, etwas zu wissen, wenn die Empörungszellen getriggert sind.

Dann stellt sich mein Gehirn vor, irgendwer hätte es gefragt, was es zum Ukraine-Krieg denkt, oder zum Israel-Palästina-Problem oder zu Trumps Krieg gegen den Drogenhandel oder zu den Sozialdemokraten. Und dann legt das Innere meines Schädels los und produziert eine originelle Meinung.

Das geht eine Weile so, bis ich mich verheddere und mir einfällt, dass ich noch die Wäsche aufhängen muss. Obwohl man beim Wäsche aufhängen damit prima weitermachen kann.

Zum Beispiel, dass ich glaube, dass es die ganze Nahost-Problematik nicht mehr gäbe, wenn man das UN-Flüchtlingshilfswerk für Palästina nicht jahrzehntelang mit hunderten von Millionen Geldeinheiten gefüttert hätte.

Siehste, es geht schon wieder los.

Ich habe in meinem Bekanntenkreis mehrere, die absolut auf Putins Seite stehen, Selensky für den eigentlichen Kriegstreiber halten, und sie bringen Argumente vor, die ich nur mit Haltung „widerlegen“ kann . Ich habe aber auch mehrere, die es genau andersherum sehen. Am schönsten fand ich letztens den Satz, den mir ein Freund entgegenhielt, als ich meinte, die Krim wäre schon „immer“ russisch gewesen, und Chruschtschow habe sie der Ukraine nur geschenkt, weil er noch ein schlechtes Gewissen wegen der Hungersnot von 1932 hatte:

Wenn sie schon immer russisch war, warum hat Putin sie dann erobern müssen?

Tausend Argumente hin und her, und am Ende ist es doch egal, was mein Gehirn an Synapsenverschaltungen diesbezüglich produziert. Etwas mit Radikalität zu vertreten ist nur dazu angetan, sich mit seinem Umfeld zu zerstreiten. Wozu?

Während ich das schreibe, stürzt es sich auf die strukturelle Gewalt des Systems, wie es die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklaffen lässt, wie ein neuer Feudalismus entsteht …. das ist so eine Nervenerregung im Bauch. Der Zorn kommt daher.

Ich koche mir jetzt erstmal einen Kaffee.

Entgegen jeder landläufigen Meinung ist Kaffee in solche Momenten beruhigend. Der Prozess des zur Kaffeemaschine-Gehens, warten, bis sie sich warmgelaufen hat, wie ihr Mahlwerk die Bohnen schreddert, einen Kaffeepulver-Puck presst, den mit heißem Wasser für wenige Sekunden tränkt, und dann zwei kleine Rinnsale in die Tasse fließen lässt. Eine Übung in Geduld.

Man muss das genießen und spüren, hier und jetzt, und nicht daran denken, dass Drohnen und Raketen, eigene oder fremde, das alles in die Luft jagen könnten, oder dass man stumm leidendes Opfer der Gentrifizierung werden könnte, weil alle Welt nach Berlin kommen und ihr Schwarzgeld in Immobilien stecken darf.

Man muss auf den Kaffee warten.

Milch hineingeben, wenn man das möchte.